Reiseindustrie steht vor neuen Herausforderungen
Von Marion Schlag
Vom 7. bis 11. März 2012 zeigen sich Deutschland und die Welt in den Messehallen unterm Funkturm erneut von ihren besten Seiten. Zur 46. Internationalen Tourismusbörse (ITB) stellen rund 10.000 Aussteller aus 190 Ländern neue Trends und Tourismusprodukte vor. Premiere feiern beispielsweise einige Kreuzfahrtanbieter. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Segment Travel Technology. Die Branche boomt weiterhin, doch angesichts von Eurokrise, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie den Umwälzungen im arabischen Raum steht sie vor gewaltigen Herausforderungen. Namhafte Experten, darunter der Chef des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, setzen sich mit diesen Problemen auseinander. Mit den Tourismusministern aus Ägypten, Jordanien und Marokko sind zudem namhafte Teilnehmer aus der Politik angekündigt. Die Frage, worauf sich die Reiseindustrie in diesen Ländern einstellen muss, wird auf dem ITB Berlin Kongress unter dem Thema “Arabellion: Arabischer Frühling oder touristische Eiszeit” behandelt.
Seit seinem Gründungsjahr 1966 ist das Land am Nil in Berlin vertreten. In diesem Jahr fungiert es als offizielles Partnerland der ITB und bietet in Halle 23a alles auf, um sich den über 100. 000 Fachbesuchern als modernes Pharaonenland darzustellen. Auf 2000 Quadratmetern erleben die Besucher die Vielfalt der Urlaubsregionen vom Niltal und Roten Meer über die Wüsten und Oasen bis zur Mittelmeerküste. Ein Bazar vermittelt mit Kunsthandwerk, kulinarischen Spezialitäten, stimmungsvoller Live-Musik und Folklore einen Vorgeschmack auf das Land. Ein weiterer Marketingbaustein ist das Projekt “Ankh”. Das pharaonische Symbol für ewiges Leben ist Bestandteil des Ägypten-Schriftzuges und markiert die neue Werbekampagne unter dem Motto “Wir sind Ägypten”. Nach den Massenprotesten und Ausschreitungen auf dem legendären Tahrirplatz in Kairo verlief der Jahrestag des schnellen Sturzes von Langzeit-Präsidenten Husni Mubarak vor zwei Monaten relativ friedlich. Dennoch ist Ägypten noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Dem Aufruf oppositioneller Gruppen zum Generalstreik, um das Militär zur sofortigen Machtübergabe an eine Zivilregierung zu zwingen, hatten nur wenige befolgt.
Die islamische Muslimbruderschaft, die die Mehrheit im neuen Parlament stellt, erklärte ebenfalls, sie werde an keinen Aktionen teilnehmen, die Ägyptens Wirtschaft schade. Branchenexperten sehen darin ein positives Signal in Richtung Tourismus. Das ist bitter nötig, denn der Arabische Frühling hat dem Sektor nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Einbrüche in Höhe von einem Drittel beschert. Mit 8,6 Mrd. Euro Einnahmen in 2010 zählte der Tourismus zu den tragenden Säulen des Landes. Vor der Revolution kamen 14,5 Mio. Reiselustige, darunter etwa eine Million Deutsche, in die Destinationen zwischen Roten Meer, Kairo und Alexandria. Jetzt herrscht Flaute im Tal der Könige, in Luxor und Abu Simbel. Selbst in das gut bewachte Ägyptische Museum trauen sich nur wenige Kulturbeflissene und auch an den imposanten Pyramiden von Gizeh, sonst eines der überlaufendsten Sehenswürdigkeiten weltweit, staunen nur Vereinzelte über die Architekturwunder der Vergangenheit.
Für viele Veranstalter, vor allem aber für noch mehr Einheimische ist diese Entwicklung eine Katastrophe. Jeder achte Ägypter arbeitet im Fremdenverkehr: als Reiseleiter, Hotelangestellter, Souvenirverkäufer, Tauch-Guide, Kutschenfahrer oder Kamelführer. Das Geschäft mit zahlungskräftigen Urlaubern zählt zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. 250. 000 Hotelbetten hat das Land, weitere 250.000 sind im Bau. Neben den möglichen politischen Unruhen, vor dem das Auswärtige Amt neuerdings mit detaillierten Hinweisen warnt, belasteten auch Diskussionen um Bikini-Verbote am Strand und der Stop von Alkoholausschank die Branche. Diesbezüglich signalisierten die Wahlgewinner inzwischen aber unbedingte Kompromissbereitschaft. Mit intensiven Werbekampagnen sollen die Veranstalter überzeugen werden, dass das Land der Pharaonen auch in der nächsten Saison noch ein lohnendes Reiseziel ist. Über die werbeträchtige Rolle als ITB-Partnerland 2012 sind die Ägypter mehr als glücklich. ” Wir betreiben diesen Auftritt mit großer Begeisterung und großem Engagement als Meilenstein in unserer Tourismusindustrie und als Signal für die Kontinuität unseres stärksten Wirtschaftszweiges im Zuge des politischen Umbruchs”, erklärte Hisham Zaazou, Senior Assistent aus dem Tourismusministerium. Zur großen Eröffnungsfeier wird noch eins draufgesetzt. Nach der Ansprache von Tourismusminister Mounir Fahkri Abdel Nour zeigt das Cairo Opera House mit dem Ballett-Stück “In Spite of Everything” die Wiedergeburt Ägyptens nach den Anstrengungen der Revolution.
Fotos: Marion Schlag

