Programm für Kulturhauptstadtjahr 2016 in München vorgestellt
Die niederschlesische Metropole Wrocław (Breslau) präsentiert sich 2016 als Kulturhauptstadt Europas. Bei einem Pressegespräch in München stellte Stadtpräsident Rafał Dutkiewicz das ambitionierte Programm vor, zu dem er nach eigenen Worten rund sechs Millionen Besucher erwartet – etwa doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren. Insgesamt rund 400 Projekte mit mehr als 1.000 Veranstaltungen aus allen Sparten der Kunst und Kultur wurden vorbereitet. Weltstars wie Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour oder Filmmusik-Komponist Ennio Morricone werden in der Stadt an der Oder erwartet. Mit einigen spektakulären neuen Kulturprojekten hat die 640.000 Einwohner zählende Metropole bereits ihren Anspruch unterstrichen, nicht nur 2016 in der Ersten Liga der europäischen Kulturstädte mitspielen zu wollen.

Das neue Nationale Musikforum ist der jüngste und zugleich prächtigste Meilenstein von Breslau auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas. Für mehr als 100 Millionen Euro spendierte sich die Stadt ein Konzerthaus der Superlative mit vier Sälen, mehr als 2.800 Sitzplätzen und einer hervorragenden Akustik. Ein Quantensprung für die örtlichen Philharmoniker, die sich bislang mit 400 Plätzen in einem funktionalen Nachkriegsbau begnügen mussten. Auch zehn weitere Ensembles haben in dem neuen Gebäude unweit der Oper ihre neue Spielstätte. Mit dem renommierten Musikfestival „Wratislavia Cantans“ wurde im Herbst Premiere gefeiert. Im kommenden Jahr haben sich unter anderem der chinesische Pianist Lang Lang, das London Symphony Orchestra und die Wiener Philharmoniker zu Gastspielen angekündigt. Am 10. Dezember 2016 findet im großen Saal des Musikforums zudem die Gala zur Verleihung des Europäischen Filmpreises statt.
Vor dem Musikforum war bereits der Neubau des Musicaltheaters Capitol fertiggestellt worden. Zudem wurde der von dem bekannten Architekten Hans Poelzig erbaute Vier-Kuppel-Pavillon neben der Jahrhunderthalle zum neuen Ausstellungszentrum des Breslauer Nationalmuseums umgebaut. Im April nächsten Jahres soll das neue „Pan Tadeusz“-Museum eröffnet werden, das an das Hauptwerk des romantischen Dichters Adam Mickiewicz erinnert. Im August folgt das neue Ausstellungszentrum Zajezdnia in einem ehemaligen Straßenbahndepot. Dort, wo die ersten Aktionen der Gewerkschaft Solidarność in Breslau stattfanden, will man sich der Frage nach der Identität der Stadt und ihrer jüngeren Geschichte widmen.

Die wechselhafte Geschichte der Stadt prägt auch das Programm des Kulturhauptstadtjahres. In Breslau, das im Laufe seiner tausendjährigen Geschichte zum Reich der polnischen Piasten, zu Böhmen, Habsburg, Preußen und Deutschland gehörte, wurde 1945 praktisch die gesamte Bevölkerung ausgetauscht. Für die vertriebenen Deutschen siedelten sich polnische Bürger an, die selbst ihre Heimat im ehemaligen Osten des Landes verlassen mussten. Wurden deutsche Spuren in der Nachkriegszeit noch systematisch getilgt, so pflegt man heute einen unverkrampften Umgang mit der Vergangenheit. Das schließt auch die reiche jüdische Geschichte der Stadt ein, die vor 1939 noch rund 25.000 jüdische Bürger zählte. Den Bevölkerungsaustausch und Neuanfang 1945 thematisiert unter anderem eine Performance des britischen Theatermachers Chris Baldwin unter dem Titel „Flow“ (Fluss), die am 11. Juni 2016 an und auf der Oder stattfinden wird. Geplant ist dabei unter anderem ein gemeinsames Konzert junger Musiker aus Polen, Tschechien, Deutschland und Israel.
Vier Performances von Baldwin bilden die Eckpfeiler des Kulturhauptstadt-Programms. Mit dem Kunstprojekt „Mosty“ (Brücken) machte er bereits im Juni dieses Jahres auf das bevorstehende Ereignis aufmerksam. 26 Brücken der Stadt wurden dafür einen Tag lang in Kunstprojekte verwandelt. Die Performance „Przebudzenie“ (Erwachen) bildet am 17. Januar den offiziellen Auftakt des Kulturhauptstadtjahres. Vier riesige Figuren, die den Geist der Religionen, der Innovation, des Wiederaufbaus und des Hochwassers symbolisieren sollen, machen sich aus vier Stadtteilen auf den Weg zum mittelalterlichen Marktplatz, wo sie sich zu einer 14 Meter hohen Installation vereinen, die als Sinnbild für Vergangenheit und Gegenwart von Wrocław steht. Nach der Performance „Flow“ zur Mitte des Kulturjahres bildet „Niebo“ (Himmel) am 17. Dezember in der Jahrhunderthalle den Abschluss. Sie soll zeigen, dass Wrocław als europäische Stadt all denen gehört, die dort lebten und leben.
Chris Baldwin ist einer der acht Kuratoren, die das Kulturhauptstadt-Programm vorbereiten. Zu dem Kreis gehört auch Ewa Michnik, die Intendantin der Breslauer Oper, die bereits durch einige spektakuläre Großveranstaltungen in den vergangenen Jahren auf sich aufmerksam gemacht hat. Zum Kulturhauptstadtjahr plant sie eine gigantische Aufführung mit mehr als 500 Künstlerinnen und Künstlern, die am 18. Juni im neuen Breslauer Stadion eine Interpretation von Georges Bizets „Carmen“ auf die Bühne bringen. Die „Spanische Nacht mit Carmen – Zarzuela“ schlägt einen Bogen nach San Sebastián, der zweiten Kulturhauptstadt Europas 2016. Im fulminanten zweiten Akt erwartet die Besucher eine 45-minütige Darbietung der schönsten Lieder der Zarzuela, des klassischen spanischen Musiktheaters. Verantwortlich zeichnen Waldemar Zawodziński aus Wrocław und der Spanier Ignacio García. Mit von der Partie sind zudem Künstler aus Madrid und San Sebastián.

Mit mehr als 50 Einzelprojekten bildet die Musik einen Schwerpunkt im Programmkalender. Neben bekannten Festivals wie dem „Jazz an der Oder“ oder den „Wratislavia Cantans“ ist unter anderem ein großes Chortreffen unter dem Motto „Singing Europe“ im Sommer geplant. Tausende Gitarrenspieler wollen am 1. Mai auf dem Rynek ihrem Idol Jimi Hendrix huldigen und gemeinsam dessen Song „Hey Joe“ anstimmen. Zu den Weltstars, die in Breslau erwartet werden, gehört Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour, der gemeinsam mit dem polnischen Jazzpianisten Leszek Możdżer am 25. Juni ein Konzert vor dem Nationalen Musikforum geben wird.
Großen Raum nehmen die Veranstaltungen aus dem Bereich Visuelle Künste ein. Sie widmen sich deutschen Künstlern, die das alte Breslau ausmachten, polnischen Künstlern, die ihre Heimatstadt Lwów (Lemberg) nach 1945 mit Wrocław tauschen mussten sowie zeitgenössischen Künstlern aus der Odermetropole. Geplant ist unter anderem eine große Ausstellung im Herbst unter dem Titel „Wrocławska Europa“, die sich der kulturellen Vielfalt in Breslau und Schlesien im 16. und 17. Jahrhundert widmen wird. Arbeiten des weltberühmten baskischen Bildhauers Eduardo Chillida sind vom 15. Januar bis 13. März in der Galerie Awangarda zu sehen. Das Dresdener Kulturfestival Ostrade macht 2016 einen Ausflug in die Partnerstadt Breslau und präsentiert dort im Juni und Juli zeitgenössische Kunst aus Deutschland. Film- und Theaterfestivals ergänzen das Programm. Wrocław verwandelt sich vom 23. April 2016 bis zum 22. April 2017 zudem in ein Mekka für Bücherliebhaber. Für diesen Zeitraum trägt die Metropole zusätzlich den Titel „UNESCO-Welthauptstadt des Buches“.
Breslau schrieb im frühen 20. Jahrhundert Architekturgeschichte. Zu den Zeugnissen des modernen Bauens gehört neben der weltberühmten Jahrhunderthalle auch die zur Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum 1929 entstandene WuWa-Siedlung, für die verschiedene Architekten ihre Vision des funktionalistischen Bauens umsetzten. Die Siedlung, deren Gesicht sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, wird im historischen Stil erneuert und soll im kommenden Jahr für Besucher besser erschlossen sein. Zugleich will Wrocław ein neues Kapitel Baugeschichte schreiben und stellt dafür erneut die Frage, wie modernes Bauen in der heutigen Zeit aussehen kann. Am Rande der Stadt entsteht die neue Siedlung Nowe Żerniki. Sie soll nachhaltig und ökologisch sein, Antworten auf die Entwicklung der Gesellschaft, den demografischen Wandel und neue Formen des Zusammenlebens geben. Über die Ergebnisse kann man sich im Kulturhauptstadtjahr informieren.
Wenn Mitte Januar 2016 das große Eröffnungsfest zum Kulturhauptstadtjahr stattfindet, dann wird Breslau auch zahlreiche Sportfans beherbergen. Denn die Stadt ist einer von vier Gastgebern der Handball-Europameisterschaft der Männer, die 2016 in Polen ausgetragen wird. Vom 16. bis 20. Januar trifft das deutsche Team in der Breslauer Jahrhunderthalle auf Spanien, Slowenien und Schweden. Wenn es nach der Vorrunde auf einem der drei vorderen Plätze steht, kann das Team in Breslau auch die Hauptrunde bestreiten, die vom 22. bis 27. Januar stattfindet. In der Kulturhauptstadt 2016 werden am 29. Januar auch die Spiele um die Plätze 5 bis 8 ausgetragen, während die Finalrunde in Kraków (Krakau), der Kulturhauptstadt des Jahres 2000, stattfindet.
Informationen zum Kulturhauptstadtjahr gibt es in englischer Sprache auf der Website www.wroclaw2016.pl, außerdem unter www.wroclaw.pl auch auf Deutsch. Die legendäre Bar Barbara in der Straße ul. Świdnicka 8 wurde 20 Jahre nach ihrer Schließung wiederbelebt und fungiert nun als Kultur- und Informationszentrum Barbara. Dort können sich Besucher über das Programm des Kulturhauptstadtjahres informieren und Gerichte aus regionalen Produkten genießen. Weitere Informationen zum Reiseland Polen gibt es beim Polnischen Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel

