von Jutta Sein
Auto und Tourismus geht nicht immer nur mit dem Auto. 1974 gab es eine sogenannte Benzinkrise – die älteren von Ihnen werden sich erinnern – und da fanden selbst Rallyes auf dem Fahrrad statt. Ein Tag im Januar 1974: Es roch nicht nach Rennöl und nicht nach Benzin. Keine PS-starken Motoren heulten auf, und man vermisste auch die riesigen fahrbaren Werkzeug- und Ersatzteilwagen. Helfer und Monteure hielten nur Reifenflickzeug in der linken Hand. Rechts fuchtelten sie hektisch mit der Luftpumpe. Die Akteure waren jedoch die gleichen, die man sonst im Fahrerlager des Nürburgrings oder am Start von internationalen Motorsport-Veranstaltungen findet: 186 Rennfahrer, Formel-1-Piloten und Rallye-Asse hatten das Gaspedal mit den Pedalen eines Drahtesels vertauscht. Und das mit voller Absicht: Der Mainzer Automobil Club hatte zur Weltpremiere der 1. Rallye auf Fahrrädern gerufen.
Man hatte zwar vergessen, mit dem Wettergott einen Vertrag abzuschließen, denn es regnete in Strömen. Doch niemand ließ sich die Laune verderben. So fand auch nach der Dokumentenprüfung eine richtige technische Prüfung statt, bei der die Fahrräder mit original Rallyeschildern versehen und Einstufungen in „Guppe 1“ (Tourenräder) und „Gruppe 2“ (Formel-Räder, sprich: Rennräder) gemacht wurden. Die fahrbaren Untersätze wurden sogar verplombt, um einen Austausch der Wettbewerbsfahrzeuge zu verhindern. Einige hatten auf dem Gepäckträger sogar einen Feuerlöscher angebracht. „Falls die Radnabe heiß wird.“
Natürlich ließ der MAC die Teilnehmer von einer Rampe starten. Viele Zuschauer säumten die Strecke, als es dann durch die Mainzer Innenstadt ging. Bis zur ersten Zeitkontrolle konnte man sich schon einmal warmtreten. Doch von nun an ging’s bergauf. Die geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten lagen zwischen 25 und 35 km/h. Und so kam es, dass es am ersten Bergaufstück schon zu Ausfällen wegen menschlichen Defekts kam: Wadenkrämpfe sorgten dafür, dass die untrainierten Pedaltreter aufgeben mussten. Auch der damalige „Meistermacher“ Hans-Christoph Mehmel mit Harald Ertl auf einem Tandem blieben hier schon auf der Strecke. Böse Zungen behaupteten, Mehmel hätte kräftig die Pedale traktiert, während Ertl fröhlich pfeifend auf dem hinteren Tandem-Sitz die Bremse trat.
Nach einigen Zeitkontrollen, bei denen die Fahrer in gewohnter Art auf die Stempeluhren stürzten, kam eine 1,2 Kilometer lange Bergprüfung mit einer Steigung von neun Prozent. Willibald Kauhsen bekam noch schnell eine fachgerechte Massage der Fußgelenke verpasst, aber selbst das half ihm nicht mehr viel. Sicherlich bedauerte er sehr, an seinem Fahrrad keine Anbringungsmöglichkeiten für einen Turbo-Antrieb gefunden zu haben. Und da es nach der Ausschreibung nicht verboten war, sein Stahlross zu schieben, konnte man eine Schar Fußgänger beobachten, die das Ziel zu Fuß passierten.
Doch erst mal ging es durch viele kleine Orte. Schilder baten die übrigen Verkehrsteilnehmer um Rücksicht auf die Radrenner. Und an jeder Straßenkreuzung glaubten die Renn- und Rallyefahrer – Anfeindungen der Bevölkerung und Behörden bei Straßenrallyes gewohnt – ihren Augen nicht zu trauen: Überall standen freundliche Polizisten und machten ihnen die Straße frei.
Unterwegs sprachen die Funktionäre den triefend nassen Fahrern Trost zu: „Kopf hoch! Es sind nur noch zehn Kilometer.“ Dann war Mainz wieder erreicht. Letzte Lockerungsübungen der Beinmuskulatur, kräftiges Durchatmen, und auf ging’s zur Sprintprüfung: 1,7 Kilometer Rundkurs auf Bestzeit. Hans Heyer hatte anscheinend noch viel zu viel Kondition. In vollem Speed ist er in der letzten der drei Sprintrunden auf einem Kanaldeckel ausgerutscht und legte die letzten Meter bis zur Zieldurchfahrt mit geschultertem Rennrad zurück. Das Hinterrad war abgebrochen. Trotzdem lachte er – einen Tourenwagen hätte er kaum huckepack ins Ziel tragen können.
Wer sich dann die Ergebnisliste ansah, merkte gleich, dass es für die Renn- und Rallyefahrer doch nicht das gewohnte Handwerk war. Am besten hatte Hans Schuller aus Nairobi abgeschnitten: er gewann seine Klasse und wurde 4. im Gesamtklassement. Naja, Afrika ist groß, und sicher hat er dort viel trainiert. Jochen Mass wurde zum Beispiel 45. in der Gesamtwertung, Willi Kauhsen 72. und Rauno Aaltonen landete auf Platz 95.
Aber das Ergebnis war nicht so wichtig: vor allem sollte die Veranstaltung großen Spaß machen. Und das hatte sie gemacht.

