von Jutta Sein
Seit 1968 war ich mit dem Renn- und Rallyefahrer Gerd Sein verheiratet. Er ist im August 2005 leider gestorben. Wir waren unheimlich viel unterwegs, nicht nur in Sachen Motorsport. Viele schöne Gegenden nicht nur in Europa haben wir kennengelernt. In loser Folge werde ich von unseren Erlebnissen erzählen.
Hunsrück-Rallye 1983: Außer Spesen nix gewesen
Zwölf mal sind wir die Hunsrück-Rallye (Teil der heutigen Deutschland-Rallye, Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft) gefahren. Die Bilanz ist ausgeglichen: sechs mal im Ziel und sechsmal ausgefallen.
Wenn Röhrl & Co. sich bei Rallyes die Ehre geben, wird’s sogar im Fernsehen übertragen. Aber Eklund, Waldegaard oder Mikkola machen nur einen Bruchteil der Starter aus. Der Rest ist Schweigen. Oder doch nicht? Hunderte Privatfahrer sind hunderte Einzelschicksale. Zum Beispiel die Start-Nr. 78: Gerd und Jutta Sein, Toyota Celica, Klasse bis 2000 ccm, Gruppe A (Serie). Seins wohnten damals in Düren und fuhren seit 15 Jahren Rallyes. Gerd pilotiert und Jutta liest das „Gebetbuch“.
Es heißt „Gebetbuch“, weil der Beifahrer dem Fahrer herunter“betet“, wo und wie die Strecke weitergeht. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass der Copilot dem Fahrer sagt, wo es lang geht, wird das Gebetbuch vom Fahrer erstellt, d.h. der Fahrer sagt die Situationen an und der Copilot macht Notizen. Und die liest er dann während der Rallye vor.
Die „Hunsrück“ fahren Gerd und Jutta Sein seit neun Jahren in ununterbrochener Reihenfolge. Ausfall und Platzierungen wechselten sich ab. Dieses Jahr wäre „ins Ziel kommen“ an der Reihe.
Dienstag, 5. Juli. Die Celica soll für die brutale Hinkelstein-Strecke auf dem Truppenübungsplatz Baumholder noch einen Tankschutz bei Matter in Karlsruhe bekommen. Chefmechaniker Hans-Josef Pistel fährt morgens um zwei Uhr los. Um vier Uhr wird das Ehepaar Sein aus dem Bett geklingelt: Defekt am Schleppfahrzeug. Der Service-Wagen, ein BMW 3,0 – hat seinen Geist aufgegeben. Was tun? BMW auf dem Autobahn-Parkplatz stehen lassen, Celica vom Trailer abladen, per Achse weiterfahren. Auto Nr. 1 war kaputt.
Mittwoch, 6. Juli. Celica zur Vergaser-Abstimmung nach Neuß zur Firma Solex. Prüfrolle kaputt. Die Celica muss mit einem Vergaserloch bei 6000 U/min. weiterfahren.
Donnerstag, 7. Juli. Als Service-Wagen mieten wir uns einen Ford Transit. Die Mechaniker laden auf dem Autobahn-Parkplatz eine halbe Werkstatt um vom BMW auf den Ford Transit. Da die Zeit rennt, haben wir keine Zeit, den BMW vor der Rallye noch reparieren zu lassen.
Freitag, 8. Juli. Start acht Uhr morgens in Trier an der Europahalle. Wir wohnen im Hotel „Deutsches Haus“, direkt nebenan. Ein nettes kleines Hotel mit Inhabern, nein: Gasteltern, wie sie im Buche stehen. Wenn wir Rallyes fahren, möchten wir, dass unsere Mechaniker dort übernachten, wo auch wir schlafen. Wir können diesen beiden fixen Jungs keinen Stundenlohn bezahlen. Die schmeißen sich bei jedem Wetter unters Auto, opfern die Nachtruhe und reparieren, was geht.
Wertungsprüfung eins läuft so lala. Die Celica hat (siehe Mittwoch) ein Drehzahlloch. Aber damit kann man leben. Die Rallye ist noch lang. Und mit 120 PS in der 2-Liter-Klasse kann man sich gegen die damaligen „Heros“ Kalle Grundel, Kissel, Brusch oder Brauer den Klassensieg sowieso abschminken. Es zählt der olympische Geist. Hauptsache es macht Spaß. Und WP zwei, drei und vier (Maiwald: Herrlich!) machen Spaß. Danach Service-Pause. Wir haben eine halbe Stunde Zeit zum Schrauben. Es herrscht eitel Sonneschein – nicht nur am Himmel.
„So, Gerd“ sagt Jutta, die Co-.Pilotin, „Lass mal die Celica laufen, unsere Zeit ist um“.
Und das war sie wirklich, denn als Gerd den Zündschlüssel herumdrehte, machte der Motor ein sehr teures Geräusch. Eine Ventilfeder ist abgerissen. Und das hört sich so an, als wenn jemand mit dem Hammer auf einen Blecheimer schlägt. Das war’s dann. Und die Computer-Zeitnahme hatte wieder ein Auto weniger auf der Liste…
Aber damit war das Schicksal der Start-Nr. 78 noch nicht besiegelt.
Sonntag, 10. Juli. Heimreise von Trier nach Düren. Und als ob zwei kaputte Autos für ein Privatteam noch nicht genug wären: Die Zylinderkopfdichtung des gemieteten Ford Transit verweigerte kurz vor Düren auch noch ihre Dienste.
Fazit: Außer Spesen nichts gewesen. Für die nächste Rallye (Omloop van Vlaanderen/Belgien) haben sie schon gemeldet. Und dass jetzt ein Monat ohne Rallye dazwischen ist, liegt einfach am Etat…
Foto: Subaru

