Die „Grand Dame“ der deutschen Circuswelt ist tot. Ingrid Stosch-Sarrasani starb am 28. April 2022 im Alter von 88 Jahren in Radebeul.
Mit Ingrid Stosch-Sarrasani verliert das Circus- und Varietéunternehmen Sarrasani nicht nur seine langjährige Direktorin und „Seniorchefin“, sondern auch eine Reformerin und Visionärin – und eine Frau der Tat. Im Jahr 1980 übernahm die damals 47-Jährige die Leitung von Sarrasani und begann, das Familienunternehmen zu modernisieren und umzugestalten. Im Laufe der Jahre führte sie den Circus weg von der traditionellen Manegenkunst hin zum modernen Showunternehmen. Dabei wurde sie von ihrem heranwachsenden Sohn André tatkräftig unterstützt.
Mit ihm an ihrer Seite wagte sie künstlerische Experimente, die 1995 in der Show „Arche Noah – Arche Nova“ gipfelten. Die Show wurde ein großer Erfolg. Im Jahr 2000 übergab die Direktorin die Leitung an ihren Sohn, der seitdem als Geschäftsführer von Sarrasani fungiert und den Circus mit Großillusionen, Varietékunst und Veranstaltungsservice zu einer eigenständigen Marke ausbaute. Ihre Leidenschaft für den Circus ließ sie allerdings auch nach ihrer „Amtsübergabe“ nicht ruhen: Im täglichen Geschäft stand sie ihrem Sohn André und seiner Partnerin Edith Slavova stets mit Rat und Tat zur Seite.

Mutter und Sohn -Ingrid Stosch Sarrasani mit Andre Sarrasani


Alles begann mit einer Peitschen-Show
Ingrid Stosch-Sarrasani wurde am 28. Juni 1933 als Ingrid Wimmer in Hannover geboren. Im Alter von 16 Jahren kam sie erstmals mit dem Circus in Berührung: Per Zeitungsanzeige suchte Fred Cordon, der beste Peitschenschläger aller Zeiten, seinerzeit eine Partnerin für seine Peitschen-Show. Unter 13 Kandidatinnen wurde sie ausgesucht. Vier Wochen später folgte ihr erster Auftritt im Friedrichstadtpalast in Berlin als „Fred Cordon und Partnerin“. Ab da ging es in die Welt: Sie traten in England, Schweden, Dänemark und sogar in Amerika auf.

1956 kam die 23-jährige Ingrid Wimmer zum Circus Sarrasani. 16 Jahre lang arbeitete sie dort als Artistin und verliebte sich in Fritz Mey-Sarrasani, der seit 1956 als Circusdirektor die Fäden zog. Aus der Beziehung entstand ein Kind – Sohn André, der am 3. November 1972 geboren wurde. 1976 adoptierte die kinderlose Trude Stosch-Sarrasani, Schwiegertochter des Sarrasani-Gründers, die 43-jährige Ingrid Wimmer als Ingrid Stosch-Sarrasani.

Die Showbühne und die Circus Manege waren ihr Lebensmittelpunkt: Ingrid Stosch Sarrasani und Sohn Andre Sarrasani


Die 70er-Jahre führten das Circusunternehmen durch ganz Europa – und Ingrid Sarrasani in eine Doppelrolle: zum einen war sie Artistin in der Manege, zum anderen hinter den Kulissen die Lebensgefährtin des Direktors. 1980 übernahm sie schließlich als Direktorin komplett die Verantwortung für das Familienunternehmen – eine Aufgabe, der sie sich mit Hingabe widmete und die für sie 20 Jahre lang weit mehr als eine Pflicht war. Auch nach ihrem Rückzug aus der Unternehmensleitung prägte der Circus ihr Denken und Handeln – und umgekehrt. Und so war es ihrem Sohn ein Anliegen, sie im Jahr 2005 noch einmal auf die Bühne zu holen – 56 Jahre nach ihrem ersten Auftritt. In den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden präsentierte sie die Show „Sensations by Sarrasani – Das Winterspektakel“ – eine Show voller Poetik und Sensationen. Für die Poetik sorgte die Ex-Chefin selbst: Als „Geschichtenerzählerin“ hinter der Schattenwand blickte sie auf einige Anekdoten ihres turbulenten Circuslebens zurück.

Zwei die sich lieben: Andre Sarrasani und sein Tiger Kaya. Andre wird das Lebenswerk seiner Mutter fortführen


Seit der Rückkehr von Sarrasani nach Dresden war Ingrid Sarrasani wichtige Botschafterin für Sarrasani in der sächsischen Landeshauptstadt – und weit darüber hinaus. André Sarrasani sagt: „Wir verlieren die Mama und die Oma – und das Varieté und die Circuswelt eine Visionärin.“

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